Wie viel „Ich“ hat Platz in einer Bewerbung?

„Sehr geehrte Damen und Herren…“ – So oder so ähnlich beginnt ein Großteil aller Bewerbungen, die Studenten an ihren potentiellen Arbeitgeber schicken. Weiter geht es dann meistens mit dem Standardtext, den wir alle kennen: „Hiermit bewerbe ich mich, weil…“

Wenn Sie unsere Bewerbungen lesen, halten Sie uns wahrscheinlich für: selbstbewusst, 1A organisiert, diszipliniert, erwachsen und – ohne Altersangabe und Bild – vermutlich für unsere Eltern.

Wie soll es denn auch anders sein?! Schließlich unterstützten uns Eltern oder andere erfahrene Bezugspersonen bei der Erstellung unserer Bewerbungsunterlagen. Die meinen es ja auch gut, wenn sie uns Tipps geben die, … naja, lesen Sie selbst.

Wie ich mich „richtig“ bewerbe – (m)ein Einstieg.

„Als Erstes muss auf dem Deckblatt oder dem Anschreiben ein Knaller-Argument kommen. Du musst unbedingt von dir überzeugt wirken und hervorstechen. Achte darauf, dass du aber nicht zu arrogant wirkst. Sprich sie immer mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ an. Das zeugt von guter Erziehung. Schreib im ersten Teil, wer du bist und was du zur Zeit machst.“

„Das klingt doch einfach!“, denke ich mir.

„Nein, Maus. Du musst viel professioneller klingen. Es ist viel zu langweilig geschrieben. Bring mehr Spannung rein. Was du danach vor hast ist für das Unternehmen uninteressant und wirkt unvorteilhaft für dich, so als würdest du nicht gerne dort bleiben wollen.“

Nach dutzenden Neuversuchen ist meine Helferin zufrieden.

Wieso dieses Unternehmen?

„Nun kommen wir zum zweiten Teil. Schreib, wieso du gerne in dieses Unternehmen möchtest.“

„Ich brauche einen Job und Ihr Unternehmen ist sehr bekannt.“

„Um Gottes Willen, das kannst du doch nicht schreiben! Lass dir etwas Emotionales einfallen, einen guten Grund, der sich von den anderen Bewerbern abhebt. Einfallslose Texte landen direkt im Mülleimer. Außerdem musst du dem Unternehmen schmeicheln, das gefällt den Personalern. Aber schreib keine Lobeshymnen, das wirkt übertrieben und unglaubwürdig.“

Also denke ich erneut über diesen Punkt nach.
Der Kopf qualmt und ich bin der Meinung,
dass ich nun etwas Kreatives und Außergewöhnliches
aufs Blatt gebracht habe.

Wieso ich?

„Damit haben wir es ja auch schon fast geschafft. Im dritten Teil schreibst du, warum das Unternehmen dich auswählen sollte. Am Besten nutzt du dafür starke und dynamische Verben. Du musst aus der Masse herausstechen mit besonderen Leistungen. Schreib auf, für welche freiwilligen Arbeiten du dich gemeldet hast. Aber lass mich noch einmal darüber schauen, denn manche Dinge wirken sich eher nachteilig aus. Werte gute Eigenschaften ruhig etwas auf, das ist kein Lügen!“

Nachdem wir mich nun so verbogen haben, dass ich
„perfekt“ wirke, hoffe ich, nun fertig zu sein.

„Nun fehlt noch der Lebenslauf, dort notierst du deinen bisherigen Werdegang.“

Endlich mal etwas, bei dem ich zwar nicht meine Persönlichkeit
einbringen kann, aber mich auch nicht selbst loben muss.

„Nun zum Schluss müssen wir nur noch ein Bewerbungsbild machen. Aber wie siehst du denn aus? Du kannst doch keinen Kapuzenpullover tragen. Zieh dir eine Bluse und einen hübschen Blazer an. Mach dir außerdem noch die Haare schön.“

Wieso dieses Maskerade?

So viel also zu „mir“. Während ich meine Bewerbung durchlese, erkenne ich mich kaum wieder. Wieso darf ich hier nicht sein, wie ich bin? Wie soll ich vor Beginn meiner Arbeitskarriere bereits außergewöhnliche Berufskenntnisse haben? Warum soll ich einem Unternehmen vorlügen, aus welchem Grund ich es auswähle? Wir können es uns heutzutage nicht leisten, lediglich eine Bewerbung an unseren Traumarbeitsgeber zu schreiben. Man möchte in EIN bestimmtes Unternehmen – und jedes weitere ist wohl oder übel ein Kompromiss. Und zu guter Letzt: Wieso darf ich auf einem Bewerbungsfoto nicht so aussehen, wie ich mich wohl fühle?

Wir glauben: ES MUSS SICH ETWAS ÄNDERN!
Wir brauchen mehr „sportbegeisterte Tattoofreaks“, mehr „schüchterne Mauerblümchen“ und mehr „liebevolle Chaoten“ in den Bewerbungsmappen der großen und kleinen Unternehmen. Auch wenn gewisse Grundlagen bei einer Bewerbung absolut unverzichtbar sind, plädieren wir für mehr Ehrlichkeit und mehr „man-selbst-sein“ in der heutigen Zeit.

Denn: Wir wollen nicht nur einen Job im Unternehmen, wir wollen dort auch Platz für unser wahres Ich! Und das Unternehmen möchte letztlich doch auch wissen, mit wem es wirklich zu tun hat, oder nicht?

Hier kläfften für euch:
 Julia Döbbelin und Sarah Schäfer

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3 Kommentare zu Wie viel „Ich“ hat Platz in einer Bewerbung?

  1. Andrea Ha. sagt:

    Hallo liebe Kläfferinnen,

    ganz gleich, was unzählige Bücher und „Bewerbungsexperten“ sagen, niemand zwingt Euch, ein Anschreiben zu formulieren, das nicht zu Euch passt. Ihr müsst keine Floskeln schreiben, Ihr müsst Euch nicht als Bewerbungsprofi bewerben, sondern Ihr dürft das tatsächlich als Ihr selbst tun.
    Bewerbt Euch als die, die Ihr seid – und nicht als Bewerbungsprofis (wer auch immer das von sich behaupten könnte!).

    Und wenn Ihr die ganze Geschichte mal aus Personalersicht anschauen wollt, es gibt einige Blogs im Netz, die versuchen, Bewerberinnen und Bewerbern Mut zu machen, die Phrasendrescherei sein zu lassen. Mein Blog ist eines davon. Aber ich bin ja nicht hier um Werbung zu machen. 😉

    Viel Erfolg beim Bewerben, und vor allem auch Spaß dabei!

  2. Pingback: Personalmanagementkongress 2015 (Teil 1) | AHa-Erlebnisse

  3. Hallo,

    eure Bewerbung sollte identisch zu euch passen. Habt Mut und schreibt NUR die Wahrheit. Eine Lüge wird schnell bemerkbar werden :/

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